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BARBIER

Ein Friseurbesuch ist für viele Menschen ein Ereignis. Für manchen sogar ein Verwöhn-Ritual, ein kleiner Urlaub für Seele und Geist: Waschen, Shampoonieren, Kopfmassage, Entspannung, dazu etwas Smalltalk, und gern auch eine Portion Klatsch und Tratsch. Der/die Friseur*in schmeichelt beim Bezahlen, sicher auch wegen des erwünschten Trinkgelds: „Jetzt sehen Sie mindestens 10 Jahre jünger aus.“ Nach solch einem Ritual fühlen sich viele Menschen glücklich und voller neuer Energie.
Barbiershops sind neuerdings wieder angesagt: Für Hipsters, Yuppies, für echte Männer, Männer die Whisky trinken und Zigarre rauchen, für Buben, für Traditionalisten, für Naturburschen oder Playboys… Bereits der Begriff Barbier klingt für mich betörend und viel cooler als Friseur. Das Wort hat etwas Markantes, Beständiges und Maskulines. Es passt genau zum Handwerk des „Künstlers“, der mit Kamm, Schere und Rasiermesser jongliert.
Die Bezeichnung des Handwerks lässt sich vom lateinischen Wort „barba“ für „Bart“ ableiten und wurde schon im Mittelalter ausgeübt. Damals aber war die Tätigkeit des Barbiers viel breiter angelegt. Er war Heilkundiger, Wundarzt, Zahnarzt, er bot Haar- und Bartrasur, Körperpflege und Kosmetik an. Die ursprüngliche Barbier-Kultur hat in südeuropäischer und orientalischer Tradition ihren Anfang, dort war der Raum des Barbiers ausschließlich Männern vorbehalten. In der Moderne wandelte sich das Handwerk in unseren Breiten zum Herrenfriseur.
Je älter ich werde, umso mehr Wert lege auch ich auf einen regelmäßigen Haarschnitt, aber ohne das ganze Rundum-Verwöhn-Ritual. Ich habe meinen bevorzugten Barbiershop im Kiez gefunden und gestern war ich wieder da. Drei südländisch aussehende junge Männer saßen vor dem Laden in der Sonne und spielten gelangweilt mit ihren Smartphones als ich ankam. Nachdem ich gefragt habe, ob ich meine Haare schneiden lassen kann, diskutierten sie eine Weile miteinander. Ich verstehe zwar ihre Sprache nicht, aber ich war mir sicher: Sie handelten aus, welcher von ihnen mich als Kunden übernehmen soll. Schließlich stand einer auf und nickte mir einladend zu.
Wie immer bei meinen Besuchen, reichten wenige Worte für den Barbier: Seiten bitte 6 mm kurz schneiden, oben auch etwas kürzer und die Kontur hinten grade. Ich verlasse mich auf seine Erfahrung, Genauigkeit und Präzision. Und ich schätze seine Gelassenheit, Integrität und gesunde Distanz. Nach zirka 15 Minuten schon, war mein neuer Haarschnitt fertig.
Da kein Smalltalk stattfindet, schaue ich mich diesmal mit Bedacht um, und verschaffe mir einen Eindruck vom Ambiente und der Ausstattung des Salons. Sie wirkt modern und trotzdem gemütlich. Alles ist aufs Nötigste reduziert. Hier gibt es keine Trockenhauben, Färbekästen, kein Maniküre- oder Pediküre-Equipment. Alles dient nur einem einzigen Zweck, der Haar- und Bartpflege für ein männliches Klientel. Die Atmosphäre eines echten südländischen Barbiershops entsteht durch ein einziges imposantes Ausstattungsstück, den massiven Barberstuhl. Hier gibt es gleich drei dieser beeindruckenden Exemplare: Sitze aus schwarzem Kunstleder, ausladende Armlehnen und die verstellbaren Fuß- und Kopfteile. Alle Metalldetails glänzen golden. Alles lässt sich an die Statur des Kunden anpassen: nach Oben, nach Unten, nach Links, nach Rechts und in die Horizontale.
Ich mag ihn, den kleinen unprätentiösen Barbiershop im Kiez. Ich mag die südländische Gelassenheit und die alten orientalischen Handwerkstechniken beim Rasieren, beim Zupfen der Augenbrauen mit Fadentechnik oder beim Entfernen von Ohr- und Nasenhaaren mit Wachs oder Flamme.

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