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FLEISCH

Ich gebe es ja zu, ich bin kein Vegetarier und ich habe auch nicht die Absicht, einer zu werden. Meine Haltung zum Fleischkonsum wurde vor allem in meiner Kindheit und Jugend geprägt. Fleisch gehörte in meinem Elternhaus zu den Grundnahrungsmitteln. Vegetarisch oder vegan war damals unvorstellbar und auch gesellschaftlich nicht akzeptiert. War also mein Verhältnis zum Essen unethisch und muss ich es heute grundlegend hinterfragen?
Fleisch war damals auch deshalb etwas Besonderes, da es meistens von Tieren aus eigener Haltung kam. Gefüttert mit Tierfutter aus eigenem Anbau. Als Kind war es normal, mit einem Lämmchen auf der Wiese zu spielen und weniger Monate später auf dem Teller zu genießen. Das stimmte mich zwar nachdenklich, machte mich aber auch dankbar. Dadurch wurde Fleisch für mich nicht nur irgendein Lebensmittel und ich betrachte den Konsum als nachhaltig und fair: Aufzucht, Mast, Schlachten und Verzehr von Tieren ist in die ländliche Lebenswelt eingebettet und auf ganz natürliche Weise mit ihr verbunden.
Fakt ist, dass wir zu viel Fleisch essen. Aber ist der totale Verzicht die einzige Lösung? Aus ethischen oder moralischen Gründen werden das alle Vegetarier, Veganer, Frutarier, Fruganer bejahen. Ich bezweifle das. Der Verzehr von Fleisch ist tief in unserer Kultur verwurzelt und sowohl religiös als auch gesundheitlich durchaus vertretbar.
Ein generelles Lebensmittelüberangebot führt zweifellos zu übermäßigem und verschwenderischen Fleischkonsum. Dass unser tägliches Kauf- und Essverhalten nicht nur allein durch gute Argumente und Vorsätze geprägt ist, nutzt die Fleischindustrie, die Fastfood-Ketten und vor allem der Handel. Mächtiger und unbeaufsichtigter Fleischlobbyismus beeinflusst Regierungen und verhindert Klimaschutzgesetze. Massentierhaltung wird weiterhin subventioniert. Und ausgeklügelte Werbung sorgt dafür, dass Fleisch zwar als Delikatesse und Feinkost begehrt wird, gleichzeitig aber zu Billigpreisen angeboten in die Supermärkte kommt: Fleisch für die soziale Geselligkeit am Grill, für ein besinnliches Weihnachtsfest oder als schneller Genuss: „Bigger. Better. Burger King“.
Ich befürworte die angestrebte Fleischwende, die unsere Gesellschaft unbedingt braucht. Aber wie setzt man sie durch und wer soll sie einleiten? Allein damit, Billigfleisch teurer zu machen, wird wenig erreicht. Und nicht alle Menschen werden gleich zum Vegetarier oder Veganer wenn sie erfahren, wie die meisten Fleischprodukte wirklich hergestellt werden.
Eine kritische und konstruktive Umstellung unserer Essgewohnheiten ist nötig: Bezogen auf alle Lebensmittel. Wir müssen wieder lernen, mit Lebensmitteln nachhaltig und ökologisch umzugehen. Warum schaut man beim Einkaufen nicht genau hin, woher die Produkte stammen? Spanische Tomaten, die unter Folien mit großem Energieaufwand und künstlicher Bewässerung angebaut wurden und Rinderfilet, das aus Neuseeland importiert wurde, lassen mein Gulasch nicht unbedingt besser schmecken. Wahrscheinlich ist regionales und nicht unbedingt EU-genormtes Gemüse und ein frisches Stück einer durchwachsenen, aber genauso lecker schmeckenden Rinderwade aus Freilandhaltung, eine viel bessere Wahl.
Zum nachhaltigen und respektvollen Fleischkonsum gehört Aufklärung darüber, dass die vollständige Verwertung aller Tierteile, inklusive der Innereien, der Tierhaut und der Knochen notwendig ist. Viele Kunden glauben, dass ein Schwein nur aus rosigen Koteletts und Schnitzel besteht, wenn sie an der Fleischtheke stehen. Vom Rind kennen sie meistens nur saftige Steaks und Filets. Und Kinder glauben, dass ein Hühnchen nur aus Brustfilet und Schenkeln besteht. Blutiges oder fettiges Fleisch ist für viele unappetitlich. Selten findet man Innereien, wie Leber, Nieren, Herz oder Zunge auf der Speisekarte. Die Kunden müssen besser aufklärt werden, was die Aufzucht an Energie und Futter kostet, wie ein Tier verarbeitet wird, und wie wertvoll jedes einzelne Teil eines Tieres ist.
Ich musste mich nicht lange überzeugen lassen, wie lecker Rinderzunge schmecken kann. Zart gegart, dann in Scheiben geschnitten, in der Pfanne in Butter kurz angebraten und gedünstet. Dazu mehligkochende Kartoffeln und geschmorte Karotten mit Knoblauch, das ist wirklich schmackhaft. Und am besten genießt man dazu einen gekühlten Grauburgunder. Guten Appetit!

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