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Heimat

Was ist Heimat? Ich stelle mir diese Frage, da es Menschen gibt, die eine ziemlich klare und eindeutige Definition von Heimat haben: Für sie ist Heimat der Geburtsort oder der Ort, an dem sie aufgewachsen sind. Irgendwann, nach einigen Jahren in der Ferne, bekommen viele dieser Menschen Heimweh und entscheiden sich zur Rückkehr, zur Heimkehr in die Heimat, in die vertraute Umgebung, ins Damals. Sollte ich diesen Weg beschreiten, wäre mein Schicksal besiegelt: Ich müsste in die kleine Gemeinde in Polen zurückkehren, in der ich meine Kindheit verbracht habe.
„Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer…“ Viele Ostdeutsche kennen dieses Pionierlied noch, das auch in einer Version der Blues-, Jazz- und Soulsängerin Angelika Weiz auf YouTube zu finden ist. Vielleicht ist aber die Heimat im Sinne des Herkunftsorts nur die Sehnsucht nach der vergangenen Zeit, der Zeit der Ahnungslosigkeit und Unbedarftheit, in der wir noch ein ganzes Leben vor uns hatten. Die Sehnsucht nach alten Freunden*innen, enttäuschten Hoffnungen, vergessenen Idealen. Oder die längst verblasste Erinnerung an erste Schmetterlinge im Bauch, den ersten Kuss, die erste Liebe.
Ich besuche meine alte Heimat gern. Meine geschätzte und teilweise auch „toxische“ Familie lebt noch immer da. Und, bei allen Unterschieden, ich fühle mich jederzeit willkommen. Die Landschaft ist mir sehr vertraut und es kommen mir immer viele Erinnerungen in den Sinn. Trotzdem habe ich das Gefühl, ich bin nur zu Gast. So wirklich gehöre ich mit meiner Biografie, meiner Art die Welt anzuschauen, meinen Vorstellungen, meinen Zielen nicht dorthin. Nach wenigen Tagen zieht es mich wieder zurück in meine neue Wahlheimat.
Erfreulicherweise gibt es mittlerweile ganz andere Definitionen von Heimat. Städte, Dörfer, räumliche Abgrenzung oder Herkunft, Sprachen, Traditionen haben hier wenig Bedeutung. Heimat wird nicht zwingend als das konstante kulturelle Erbe gesehen, sondern eher durch ein subjektives, persönliches Empfinden definiert. Es geht um Gefühle, um Akzeptanz, um Zufriedenheit, um Freiheit, um Identität. All diese Begriffe verbinde ich mit meiner Wahlheimat Berlin.
Als ich 1988 nach Berlin kam, war die Stadt noch in Ost und West geteilt. Was für ein Zufall, dass die kleine Kreisstadt, aus der ich komme, auch durch die Staatsgrenze zwischen Polen und Tschechien geteilt war, und es bis heute noch ist. Berlin hatte von Anfang an etwas Magisches, Anziehendes für mich: Stadt der Freiheit, Unabhängigkeit, Vielfalt. Im neuem Leben, mit neuen Freunden*innen und neuen Erfahrungen bin ich nach und nach angekommen, fühlte mich gut aufgehoben und verstanden. Und mit der Zeit entstand zwischen mir und Berlin eine große Liebe voller Bewunderung, Harmonie und Respekt. Diese Symbiose verkörpert mein Heimatgefühl.
Mit meiner Liebe bin ich nicht allein. Ur-Berliner*innen, Zugezogene und Besucher*innen gestalten das bunte Bild einer pulsierenden Metropole. Bürger*innen aus über 190 Nationen, also aus fast allen Ländern der Welt. Was für ein schönes Gefühl, meine Wahlheimat mit so vielen anderen Menschen teilen zu dürfen.
Berlin verändert sich ständig. Und ich kann solidarisch, nachhaltig und gerecht meine Wahlheimat mitgestalten. Für mich und für die Anderen. Da brauche ich nicht an Rückkehr in die Vergangenheit zu denken.

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