Photo by Komil Ahmedov on Unsplash

JAHRESWECHSEL

Mein Jahreswechsel beginnt am Silvestertag schon um 14:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit, da in Adelaide bei meiner australischen Freundin bereits Mitternacht ist. Gegen 22:00 Uhr kommen dann Neujahrsgrüße von meinen Freundinnen Alla und Natasha aus Moskau.
Mit einer Stunde Verspätung zu unserer Mitternacht melden sich meine Lieblinge aus London. Wenn ich am Neujahrstag ausgeschlafen habe, fängt das Neue Jahr in Amerika an. Je nachdem, wo meine Freunde leben, ob New York, Orlando, San Francisco oder Buenos Aires, haben sie sechs bis neun Stunden Verspätung.
Dank unserer universellen Zeit kann ich also den Jahreswechsel rund um den Globus mitverfolgen. Dieser Zeitstandard ist überall auf der Welt gleich, er verbindet Kontinente und ist heute das globale System sämtlicher Vorgänge schlechthin. Das war aber nicht immer so.
Das Konzept der universellen Zeit ist eine koloniale Erfindung. Da das Thema Kolonialgeschichte und der Umgang mit kolonialem Erbe prominent Eingang in aktuelle gesellschaftliche Debatten gefunden hat, sollten wir versuchen, auch die universelle Zeit unter diesem Aspekt zu betrachten.
Die Standardisierung der Zeit diente den Kolonialmächten zur Sicherung der Macht über fremde Gebiete. Es ging um die reibungslose Koordination zwischen den Metropolen und den entlegensten Winkeln der Erde. Dass damit auch autonome Verhältnisse von Zeit und Raum zerstört wurden, spielte erstmal keine Rolle. So wurden ganze Bevölkerungsgruppen aus ihren eigenen Zeit- und Weltvorstellungen herausgerissen und in eine fremde, oftmals bedrohliche Zeitwahrnehmung versetzt.
Die Festlegung des Nullmeridians auf die Londoner Sternwarte Greenwich wurde nicht ganz willkürlich getroffen. Von hier aus wird die geographische Länge nach Osten und Westen gezählt. Man schuf ein Zeitmonopol, das bis heute Gültigkeit hat. Wo die Zeit „vermessen wird“ ist der Ursprung der Macht.
Sehen das aber die Aborigines in Australien oder die Ureinwohner Amerikas genauso? Ich bezweifle, dass sie einen Bezug zu diesen Standards haben und ihre Zeitrechnung mit dem Nullmeridian im fremden und weit entfernten Greenwich verbinden. Ihre Lebensweise orientiert sich stark an den Rhythmen der Natur und sie ist an das eigene soziale und kulturelle System gebunden.
Sonne, Mond, Sterne bestimmen nicht nur die Zeit, sie haben starke spirituelle Bedeutung. Sie prägen das Leben durch Regelmäßigkeit aber auch Vielfalt. Tag und Nacht, Jahreszeiten, der Lebenszyklus von Geburt bis Tod oder vielleicht sogar bis zur Wiederkehr, sind Rhythmen, die nicht mit Stunden oder Jahren der universellen Zeit beweisbar sind. Selbst die Natur bietet uns unzählige Beispiele solcher Rhythmenvielfalt. Der Lebenszyklus einer Eintagsfliege sieht anders aus, als der einer hundertjährigen Schildkröte.
Wir sollen bedenken, dass der 24-Stunden-Rhythmus der universellen Zeit erst vor etwa 100 Jahren standardisiert wurde. Dieser Rhythmus ist jedoch nicht der natürliche Maßstab allen Lebens.
Geschichte kann nicht rückwirkend verändert werden. Es gibt keine Alternative zur globalen Zeitvermessung. Es sollte uns aber heute bewusstwerden, dass nicht alle Menschen mit demselben Zeitgefühl verbunden sind. Es gibt unterschiedliche kulturelle Vorstellungen von Zeit, von Vergangenheit, von Gegenwart und Zukunft.
Frohes Neues Jahr!

Schreibe einen Kommentar

Diesen Beitrag teilen: