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KREUZFAHRT

Es heißt wieder „Volle Kraft voraus“ für den Kreuzfahrttourismus. Die Hoffnung auf den Aufschwung ist groß, es ist ein Milliardengeschäft. Was früher als Luxusreise für Wohlbetuchte galt, entwickelte sich in den letzten Jahren zum Massenvergnügen. Doch der Kreuzfahrt-Boom hat viele Schattenseiten. Die Folgen für Klima und Umwelt sind desaströs.
Es werden nicht nur die bereits existierende Megaschiffe der Redereien in See stechen. Viele Neue warten schon. Die „Wonder of the Seas“ wird das größte Kreuzfahrtschiff der Welt sein. Mit einer Länge von 362 Metern bietet sie auf 18 Decks Platz für rund 6.870 Passagiere. Ein Luxus-Liner der Superlative, scheinbar noch attraktiver und moderner als alle anderen Schiffe: In facto wird das Schiff selbst zum eigentlichen Urlaubsziel, ein schwimmendes Hotel oder eine schwimmende Stadt.
Beachtenswert ist auch, dass der Energieverbrauch des Schiffes der einer Kleinstadt entspricht. Es benötigt mehrere Tausend Liter Treibstoff pro Tag, billiges Schweröl, wie bei den meisten Kreuzfahrtschiffen. Es werden tonnenweise schmutzige Abgase wie Feinstaub, Ruß, Stickoxide und Schwefeloxide freigesetzt, die massiv Luft und Wasser verschmutzen. Beleuchtung und Klimaanlagen bleiben für Passagiere und Besatzung Tag und Nacht in Betrieb. Hier werden nicht nur Ressourcen verbraucht, sondern auch die Luft vergiftet. Problematisch ist die Entsorgung von „Grauwasser“ aus Duschen und Spülen, oder auch „Schwarzwasser“ aus den Toiletten. Dabei wird teilweise ins Meer entsorgt. Eine massive Verschmutzung des Ökosystems.
Kreuzfahrtschiffe werden immer größer, da die Redereien sich einen wirtschaftlichen Vorteil versprechen: Je größer das Schiff, desto geringer werden Betriebs- und Personalkosten pro Passagier. Alle technischen und administrativen Kosten verringern sich bei steigenden Passagieranzahlen. Egal wie groß das Schiff ist, es müssen nur ein hochqualifizierter Kapitän und seine Offiziere bezahlt werden. Hafengebühren und Sicherheitskosten bleiben meist die gleichen.
Je größer das Schiff, desto umfangreicher auch das Freizeitangebot für die Gäste. Auf der „Wonder of the Seas“ wird es acht verschiedene Themenbereiche geben, die spezielle Attraktionen und Aktivitäten anbieten, wie den Central Park oder das Vitality Spa & Fitness Centre. Dazu eine riesige Einkaufspromenade, eine Eiskunstlaufbahn, das 3D-Kino, das Aqua-Theater und zahlreiche Restaurants, Bars, Lounges. Mehr Angebot verspricht mehr Umsatz und mehr Gewinn, lautet die Devise.
Kreuzfahrtschiffe werben oft mit kulinarischen Genüssen an Bord. „All you can eat“-Buffets, Spezialitäten-Restaurants, Bistros und Bars offerieren Köstlichkeiten aus aller Welt, frische Früchte und Gemüse, eine riesige Auswahl an Spirituosen und Getränken. Übrig bleiben besonders viele Lebensmittelabfälle, die meist einfach über Bord geworfen werden. Ganz nach Vorschrift: In kleine Stücke geschreddert und mindestens zwölf Meilen vom Ufer entfernt, ist das möglich. Übermäßiges Algenwachstum wird angeregt, der Sauerstoffgehalt sinkt. Das Meereswasser wird vergiftet und überdüngt.
Luxus für die Passagiere bedeutet Ausbeutung des Personals. Auf einem Mega-Kreuzfahrtschiff arbeiten über 2.000 Menschen: Im Service- oder Restaurantbereich, viele als einfache Hilfskräfte. Für sie bedeutet das Arbeiten und Leben ohne Tageslicht, eingesperrt in den untersten Decks, nicht weit weg vom lautstarken Maschinenraum. Bei vielen Hilfskräften sind Stundenlöhne zwischen 1,50 bis 2,50 EUR keine Seltenheit. Es gibt keine Sozialleistungen, keine Gewerkschaften.
Eine Besonderheit des Seerechtes sagt, es steht den Kreuzfahrtgesellschaften frei, den Flaggenstaat ihrer Flotte zu wählen. Damit können sie sich die am Bord geltenden Arbeits- und Umweltstandards selbst aussuchen. Um Kosten zu sparen, fahren die meisten Schiffe unter der Flagge von Steuerparadiesen, wie Panama, Malta oder den Bahamas. Neben niedrigen Steuern gelten in den Flaggenstaaten geringe Strafen bei illegaler Umweltverschmutzung und meist haben sie keine Regulierungen zum Schutz des Arbeitnehmers. Das gesamte Geschäftsmodell basiert auf Steuervermeidung, rücksichtsloser Umweltverschmutzung und Ausbeutung des Personals.
Über Luxus lässt sich streiten, aber die Übernachtung in einer ca. 15 Quadratmeter „großen“ Kabine, teilweise sogar ohne Fenster, ist doch keine Urlaubsfreude. Man verbringt seine Tage mit der Entdeckung der Schiffs-Attraktionen oder man frisst sich durch die kulinarische Genusswelten an Bord. Meist hat man doch einen All Inclusive Urlaub gebucht.
Da viele Passagiere Orientierungsprobleme haben, gehört am ersten Tag ein Rundgang für Erstkreuzfahrer zum festen Programm. Viele merken überhaupt nicht mehr, dass sie sich auf einem Schiff befinden. Destinationen und Häfen, die besucht werden, spielen sowieso nur eine Nebenrolle. Kurzes Sightseeing in Venedig, Barcelona oder Dubrovnik, um ein paar Insta-Fotos zu machen, bringt der lokalen Bevölkerung, bis auf wenige Souvenirshops, wenig Teilhabe am großen Kuchen des Tourismusgeschäfts.
Kreuzfahrturlaub ist für mich Massentourismus, Konsum, Umweltverschmutzung und Ausbeutung. Da kann mich auch solch ein technisches Meisterwerk des Schiffsbaus wie die „Wonder of the Seas“ nicht umstimmen. Sind Kreuzfahrten gesellschaftlich noch vertretbar?

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