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NORMALITÄT

Es fühlte sich so gut an, wieder gemütlich auf der Terrasse meines Lieblingsrestaurants zu sitzen: Ganz spontan, ohne Maske, ohne Kontaktdaten-Zettel oder Corona-Test. Ein Grund zur Freude, da ich es in den letzten Monaten so oft von Freunden gehört habe und mir selbst gewünscht habe, endlich wieder am normalen Leben teilnehmen zu können. Und da saß ich nun glücklich und zufrieden bei Pizza und Aperol, und doch fragte ich mich: Ist das wirklich die gute alte vertraute Normalität oder hat sie sich verändert?
Tatsache ist, das öffentliche Leben nimmt wieder kräftig Fahrt auf und das ist gut so. Aber Tatsache ist auch, dass die sich lang hinziehende Zeit des Lockdowns mein Umfeld und die gesamte Gesellschaft durcheinandergewirbelt hat und zwar im positiven wie im negativen Sinne. Mit überhöhter Geschwindigkeit entsteht eine neue Wirklichkeit und es gibt kein Zurück: Normales Arbeiten im Büro wird flexibler gestaltet, vieles verlagert sich ins Homeoffice, der Wechsel vieler Aktivitäten ins Digitale wird immer stärker voranschreiten, auch Social Distancing wird weiterhin zum Alltag gehören.
Mein Leben hat viele neue Facetten bekommen: Stabilität und Unsicherheit, Hilflosigkeit und Stärke, Wunsch nach Nähe und Wunsch nach Distanz. Ich fand neue Aufgaben, um mich zu verwirklichen und versuche, Dinge zu ändern. Mein Umfeld ist viel sensibler und rücksichtsvoller geworden. Da aber der persönliche Austausch erschwert war, sind viele Freunde auch zurückhaltender und verschlossener geworden. Es war viel mehr Spontanität und Eigeninitiative bei den Kontakten gefragt.
Generell ist aber auch viel mehr Instabilität zu spüren. Die Einschränkungen im beruflichen und privaten Leben haben viele Menschen unsicherer, egoistischer und gereizter gemacht. Den wirtschaftlichen Stillstand haben viele existenzbedrohend erlebt. In solchen Krisen besinnen sich Menschen meist auf das, was vorher gut funktioniert hat. Themen wie Nachhaltigkeit und ökologisches Handeln, Solidarität und Höflichkeit, spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle.
Genauso durcheinandergewirbelt wurde die Normalität. Einerseits sollte sie das Selbstverständliche und das Alltägliche im Leben abbilden. Das, was keiner Erklärung bedarf: Konstante für soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen sein. Sie wird gesellschaftlich durch Normierung hervorgebracht, doch jegliche Norm wurde in der Zeit der Pandemie außer Kraft gesetzt. War Normalität nur eine Floskel? „Die Normalität ist eine Illusion. Was für die Spinne normal ist, ist für eine Fliege reinstes Chaos!“ (Zitat aus „The Addams Family“). Die Angst für viele Menschen besteht darin, dass die Dinge nicht wieder so werden, wie sie einmal waren, wie sie sie kennen. Und jegliche Abweichungen von der Normalität verunsichern sie.
Aber man muss Normalität auch in ihrer ständigen Entwicklung betrachten. Veränderung und Wandlung sind Teil der Normalität. Das normale Verhalten von gestern ist doch nicht wie das von heute. Auch die einst normale Sicherheit wird heute anders definiert und verstanden. Genauso wie wir heute nicht wissen können, wie die Normalität von morgen sein wird. Gewiss wird das Denken und Handeln der Menschen noch lange mit dem Ausnahmezustand von gestern zusammenhängen.
Leben ist Veränderung! Ich begrüße meine neue Normalität. Sie entstand aus Veränderungen der letzten Zeit, aus meiner Zuversicht, mich neuen Herausforderungen zu stellen, aus dem Mut, mir selbst zu vertrauen. Meine Erfahrungen machen mich optimistisch.
Wird die Akzeptanz dieser neuen Normalität meinem Umfeld und der Gesellschaft insgesamt so leichtfallen wie mir?

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