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PAVLOVA

Dass der Eurovision Song Contest in Australien eine so große Beliebtheit erlangt hat, ist mir ein Rätsel. Aber bereits 1983 wurde das Event dort das erste Mal ausgestrahlt. Und seit 2015, mit der ersten offiziellen Teilnahme, ist Australien ein festes Mitglied der Eurovisionfamily geworden. Meistens sind die Beiträge Australiens auf sehr guten Plätzen gelandet. Wahrscheinlich ist der „easygoing“ Lifestyle mit seiner Offenheit und Lässigkeit für den Erfolg der Show in Down Under verantwortlich. Oder liegt es vielleicht an der Pavlova-Torte, die den Aussies die Show versüßt?
Für mich hat der Eurovision Song Contest schon lange einen besonderen Kultstatus. Alleine die Eurovision Fanfare gab mir immer das Gefühl, etwas Besonderes zu erleben: Nämlich für einen Abend mit ganz Europa, sogar der halben Welt, verbunden zu sein. Ich kann mich noch erinnern, wie aufregend es für uns als Kinder war, hinter dem „eisernen Vorhang“ diesen Programmaustausch zwischen der Intervision (dem Zusammenschluss von Fernsehstationen der Ostblockländer) und der Eurovision in Westeuropa sehen zu können. Mittlerweile ist aus dem Wettbewerb eine hoch kommerzielle und proprietäre Veranstaltung geworden. Auch die musikalischen Länderbeiträge unterliegen vielerlei nationalen und politischen Einflüssen. Das zeigt, wie verschiedenartig Europa kulturell aufgestellt ist. Nimmt man aber die tugendhaften Botschaften nicht so ernst, erlebt man einen fröhlichen Abend: Mit skurrilen Performances, ausgefallenen Kostümen und bunten Vögeln.
In meinem Freundeskreis gehörten vor der pandemiebedingten Pause große private ESC-Partys zum jährlichen Pflichtprogramm. Das Highlight war selbstverständlich das ESC-Buffet: allerlei Nationalgerichte, Häppchen, Snacks, Knabbereien und Süßigkeiten mit passenden Länderflaggen-Stickern. Und immer hisste man die Fahnen der teilnehmenden Länder zur Dekoration. Auch Zettel mit einem Tippspiel für das Ranking wurden verteilt.
Mit der Teilnahme Australiens und dem dazu zeitlich passenden Besuch meiner Freundin, die dort seit vielen Jahren lebt, sollte also vor einigen Jahren auch eine Pavlova-Torte auf das Buffet. Ich wusste, dass diese Süßspeise nach der russischen Ballerina Anna Pavlova benannt wurde. Aber dass sie als Nationalgericht in Down Under gilt, war mir neu. Meine Freundin und ich, zwei „Profiköche“, machten uns an die Arbeit.
Für das Rezept (12 Portionen) nehme man das Eiweiß von 4 Eiern, 200 g Zucker, 4 TL (Teelöffel) Speisestärke, 1 TL Essig, 1 Becher (250 ml) Schlagsahne und 400 g frische Früchte. Die Zutaten ergeben eine süße Sahne-Baiser-Masse, die wir mit einem geborgten Handrührgerät schlagen mussten.
Zuerst den Backofen auf 150 Grad Ober-/Unterhitze vorheizen und eine Tortenform mit Backpapier auslegen. Das Eiweiß in einer Schüssel mit Mixer zu steifem Schnee schlagen, dabei den Zucker langsam einrieseln lassen. Auch Essig und Speisestärke vorsichtig unterheben. Die Masse in die vorbereitete Tortenform füllen. Im Backofen etwa 40 Minuten backen. Anschließend im Ofen bei offener Tür langsam auskühlen lassen. In der Zwischenzeit die Früchte waschen. Die Schlagsahne in einer Rührschüssel steif schlagen, auf dem Tortenboden beliebig verteilen und mit frischen Früchten dekorieren.
Ungeduldig öffnete ich ab und zu den Backofen, um zu sehen, ob die Torte schon soweit ist. Aber das war mein schlimmer Fehler. Die Masse fiel in sich zusammen und damit wurde der kulinarische Beitrag Australiens für die ESC-Party ein glattes Desaster. Ich kann mich noch erinnern, dass die etwas klebrige Torte trotzdem der Hit auf dem großen Buffet war.
In diesem Jahr hat sich Australien entschlossen, seine Sängerin Montaigne, die ich übrigens toll finde, nicht zum ESC nach Rotterdam reisen zu lassen. Der Beitrag wird nur per Live-on-Tape-Performance zu sehen sein. Auch der Besuch meiner Freundin fällt in diesem Jahr aus. Also wird es auch keine Pavlova-Torte geben.
Trotzdem ist es erfreulich, dass die ESC-Show wieder live stattfindet. Und ich bin mir sicher, dass es bald wieder viele Partys geben wird. Hoffentlich zusammen mit meiner australischen Freundin an einem bunten ESC-Buffet mit der besten Pavlova der Welt in der Mitte. Und wer weiß, vielleicht hören wir auch bald wieder mal: „Australia twelve points, Australien zwölf Punkte, Australie douze points“.

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