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Reisefreiheit

Mit großem Interesse verfolge ich die mediale Debatte um die Reisefreiheit in der Pandemie. Erstens war ich lange beruflich in der Tourismusbranche tätig und bin dadurch mit dem Thema Reisen vertraut. Zweitens beschäftigen mich die folgenden Fragen: Wann und wie werde ich das nächste Mal verreisen können? Ist die Reisefreiheit, derzeit pandemiebedingt eingeschränkt, mein Grundrecht oder ist es ein Privileg?
Die bestehenden Beschränkungen lassen uns alle momentan nur vom Reisen träumen (bis auf einige wenige Ausnahmen). Dennoch, das Verlangen nach Bewegungsfreiheit ist da. Und ich bin sicher: Viele Menschen werden bald die erstbeste Möglichkeit nutzen, um einfach irgendwohin zu verreisen. Egal ob es Urlaub, Städtetrip oder nur ein Tapetenwechsel wird. Die Rollkoffer wollen wieder heftig klappern.
Reisefreiheit stellt für mich ein Grundrecht dar. Für mich ist sie essenziell und existenziell. Ist sie aber selbstverständlich und unentbehrlich? Und was bedeutet das für mein Verhalten in Bezug auf Umweltschutz und dem Respekt vor fremden Kulturen?
Reisefreiheit ist für mich ein wirklich hohes Gut. Ich komme aus einem Land, wo es früher nicht so selbstverständlich war, sich frei bewegen zu dürfen. Dort war Reisen ein Privileg und kein Recht. Und dieses Privileg musste man sich hart erkämpfen. Meine Erfahrung hat mich eine hohe Wertschätzung gegenüber dem Reisen gelehrt.
Ich kann mich noch genau an die Hindernisse meiner ersten Reise als Student nach Frankreich erinnern. Zuerst musste ich in Polen eine schriftliche Einladung aus dem Gastgeberland, mit Beglaubigung, Stempeln und inklusive einer Übersetzung vorlegen. Diese Einladung erlaubte mir dann, meinen Reisepass zu beantragen. Der gängige Reisepass für Ostblock-Staaten galt natürlich nicht. Es musste der teure, international gültige Reisepass ausgestellt werden.
Sechs Wochen später, ausgestattet mit dem frisch gedruckten Pass (aber ohne Personalausweis, da ich diesen abgeben musste, weil man keine zwei Ausweise haben dürfe) und mit der Einladung in der Tasche, durfte ich dann in der Botschaft vorsprechen, um mein Visum zu beantragen.
Nach weiteren sechs Wochen: Ausgestattet mit Reisepass, Visum und meiner Einladung, durfte ich dann endlich zur Fluggesellschaft gehen, um mein Ticket zu kaufen. Der Preis für das Flugticket entsprach damals ungefähr dem dreifachen Monatsgehalt meiner Mutter. Heute kann das ein 25-jähriger Europäer, wie ich zu dieser Zeit einer war, kaum glauben und schon gar nicht nachvollziehen.
Wie wertvoll solch ein Reisepass ist, habe ich auch später in der Tourismusbranche erlebt. Mit dem deutschen Pass kann man ohne Visum momentan in über 170 Staaten reisen. Damit sind wir ein verschwindend kleiner Teil der Menschheit, der überhaupt so ein Ausweisdokument und die damit verbundenen Privilegien besitzt. Noch heute ist Reisefreiheit nicht überall in der Welt ein Grundrecht. Ganz abgesehen davon, dass für viele Menschen ein internationales Flugticket unerschwinglich ist. Auch daran sollten wir denken, wenn wir auf unsere Grundrechte pochen.
„Zu reisen ist zu leben“ sagt ein Zitat von Hans Christian Andersen. Gerne lebe ich meine Reisefreiheit. Mit Bedacht und Umsicht werde ich in Zukunft mein Privileg nutzen, umweltbewusst und sozial verantwortlich.

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